Um die wirre Sprache der Poesie zu verstehen, beschrieb Wissenschaftler Schklowski zwei Welten: die der Dinge und die der Namen, die wir den Dingen gaben. Die meiste Zeit würden wir dabei in der zweiten Welt ver-bringen. Doch enthält die zweite Welt nur Platzhalter, Verweise auf die wirklichen Dinge und nicht sie selbst. Wie erreicht man aber die Dinge, für die es keine Wörter gibt? Dinge, die vielleicht zu viele Namen tragen und hinter diesen kaum mehr in ihrer wahrer Gestalt zu erkennen sind? Dafür braucht es Poesie, laut Schklowski. Sie entleert den Namen, verformt das Wort.

Die Poesie ist ein Umgang mit Wort, der das Wort wortlos macht. Die Straßenschilder werden sozusagen durch Straßen ersetzt. Auch Fotografie, das Mittel zum Festhalten und Sammeln schlechthin, kann poetisch sein. Nicht im Sinne des Stills, aber im Sinne des Fleischwolfes. Fotografien, die auf keine vor-gefertigte Vorstellungen zurückgreifen; die, die Wirklichkeit nicht kopieren, sondern sie erst in sich selbst herstellen. Gustav Mahler sagte einst, eine Sinfonie sei eine Welt. Aber eine schimmernde Welt, die jedes Mal neu erschaffen werden muss, denn sie ist nicht in der Partitur enthalten.

Die Poesie ist ein Fleischwolf, der die bekannten, abgenutzten Vorstellungen zer-malmt und eine neue Substanz daraus gewinnt. Wir erschließen die uns umgebende Welt wie Sammler. Ergreifen Besitz über Dinge, die wir mithilfe der Namen an uns ketten und die uns alsbald nicht mehr interessieren, weil wir sie nun kennen. Und vollbeladen mit Kenntnis erschwert, verlangsamt sich unser Schritt. Die Gewöhnung entfaltet ihre anästhesierende Wirkung, der Geist der Schwere holt ein. Wo doch das Sein eines Menschen nicht permanent, vielmehr fla-ckernd, flimmernd ist.