Alles begann mit Victor Hugo, als ich sein Buch „Notre-Damen de Paris“ las. Ich nahm es mit auf eine Reise nach Königswinter am Rhein. Dort fand ich mit großem Erstaunen heraus, dass auch er, der Autor des Buches, das ich in meiner Tasche trug, eine Reise nach Königswinter machte und an derselben Stelle stand wie ich – vor zweihundert Jahren. Ich entschied mich, in seinen Fußspuren zu bleiben und den unsichtbaren Wegen am Rhein zu folgen.

 

Immer deutlicher fiel mir dort der andere Lauf der Zeit. Zwischen den Großstädten am Rhein spannt sich ihr Gewebe  immer straffer, sodass man bald die einzelnen Fäden und das Durchscheinen der anderen Schichten zu sehen beginnt. 

An manchen Wegen und Straßen jedoch, in nebligen Klüften zwischen den Bergen und Wäldern reißt die Zeit. Wenn man dann nicht zu sehr in der eigenen Zeit verwurzelt und für anderweitige Reisen bereit ist, fällt man hinein. 

 

Man findet sich nicht unbedingt in Vergangenheit wieder. Noch immer sieht man die Rauchwolken aus den Schloten einer Fabrik aufsteigen. Nach wie vor donnern die die Berge umschlingende Autobahnen. Aber all das Störende verkleinert sich nun zu seinen realen Ausmaßen, nimmt Platz in einem größe-ren Bild der Wirklichkeit. Ein solches Bild lässt sich oftmals in kleinen Dingen erahnen. Um es jedoch zu sehen, muss man sich von der eigenen Zeit befreien.

Das begann ich am Rhein zu lernen, denn dort sah ich, wie voneinander weit entfernte Jahrhunderte zusammenschmelzen – ganz leise, und einfach zu übersehen, aber dennoch eine große Kraft entfaltend. Solche ineinander übergehenden Stellen sind wie eine (sehr) lange Belichtungszeit – wenn große, so sicher und stabil vorkommende Dinge plötzlich verschwimmen und andere, bisher  ungesehene, eine sichtbare Form erhalten. 

 

Am Rhein fing ich an zu verstehen, dass man mit Fotografie nicht nur Schönheit der Form erschaffen kann, sondern auch Schönheit eines philosophischen Gedankens, welche man aber dennoch sinnlich wahrnehmen kann.